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SZ: Die
Frage drängt sich als erstes auf. Was bewegt einen Truderinger Moslem sich alljährlich in der Weihnachtsnacht in bayerische Tracht zu
werfen und wegen eines 300 Jahre zurückliegenden Kriegsverbrechens an aufständischen bayerischen Bauern nach Sendling zu pilgern?
Lehrer: Das Eine schließt ja das Andere nicht aus. Schließlich bin ich hier geboren und ursprünglich in der Ludwigskirche
getauft. Und im übrigen: Die Franzosen feiern ja schließlich auch jedes Jahr am 14. Juli den Sturm auf die Bastille. Das war 1789. Der
Volksaufstand der bayerischen Bauern gegen das unvorstellbar brutale Besatzungsregime der Österreicher aber fand bereits 1705, also gute
80 Jahre früher statt. Für mich ist das schlicht eine Frage von Geschichtsbewusstsein.
SZ: Für wen ist das eine Frage von Geschichtsbewusstsein? Für den Moslem oder für den christ-katholischen
Bayern?
Lehrer: Damit geht es ja eigentlich los. Obwohl mich die Mutter katholisch werden ließ, war ich im Herzen schon immer
“Protestant“. Mein Vater stammt aus einer evangelischen Bauernfamilie, die sich unter Max I. Josef zunächst in Großkarolinenfeld
angesiedelt hatte und dann einen kleinen Hof in Trudering erwerben konnte. Mehr als 100 Jahre waren das die einzigen Evangelischen im
Dorf. Als Jugendlicher hat mich bayerisches Brauchtum dementsprechend wenig interessiert. Statt dessen bin ich nach der Schule über ein
Austauschprogramm in ein Kibbuz nach Israel und von dort aus habe ich dann den Orient kennen gelernt. Der Islam hat mich fasziniert. Ich
bin sogar nach Mekka gepilgert. Den Islam erfasst man nicht durch Bücher. Da muss man mitmachen.
SZ: Verzeihen Sie die indiskrete Unterbrechung! Mit aller Konsequenz?
Lehrer: Ja freilich. Ich bin mit einer Türkin seit 32 Jahren verheiratet. Wir haben vier Kinder mit türkischen Vornamen und ich
war 28 Jahre türkischer Dolmetscher bei der Straßenreinigung. Irgendwann interessierte ich mich dann für meine Herkunft, stellte fest,
dass ich auch mütterlicherseits einer richtig bodenständigen Bauernfamilie entstamme. Ein Zufall brachte mich dabei zu den Trachtlern
und schließlich zur historischen Schmied von Kochel-Gruppe. “Mordweihnacht”, dieser grausig widersprüchliche Begriff ließ mich nicht
mehr los. Ich bin Pazifist und Ungerechtigkeiten kann ich nicht ausstehen.
SZ: Und seitdem gehen Sie am Freitag in die Moschee und am Sonntag in die Kirche?
Lehrer: Nein in die Kirche gehe ich nur, wenn ich mit den Trachtlern ausrücke oder beim Gedenken an die gefallenen Oberländer in
der Christmette die Lesung vortrage. Deshalb bin ich mit dem Sendlinger Pfarrer übers Kreuz gekommen. Als bekannt wurde, dass ich Moslem
bin, hat der Pfarrer gesagt: Den Lehrer Hans, den braucht ihr mir nicht mehr zu bringen, der soll bei den Moslems beten. Das fand ich
nicht so gut. Die von mir selbst verfassten Ansprachen auf dem Friedhof, bei denen etwas über die Historie gesagt wird, habe ich
ebenfalls elf Jahre lang gehalten und dabei für die armen Seelen ein Vaterunser gebetet. Jetzt macht das ein Politiker von der
Bayernpartei, den sich der Verein zur 300 Jahrfeier einbildete.
SZ: Trägt man den Österreichern eigentlich noch was nach?
Lehrer: Eigentlich nicht. Ehrlich gesagt am vergangenen 4. Adventssonntag, an dem traditionell das große Treffen der
Trachtenvereine auf dem Sendlinger Friedhof stattfindet, war ich ganz begeistert. Der Wittelsbacher Prinz Rasso war nämlich mit seiner
Ehefrau Theresa, Erzherzogin von Österreich Toskana gekommen. Im Grunde waren ja die Wittelsbacher und Habsburger immer schon
miteinander verwandt. Da trägt man nichts nach. Das ist Historie.
SZ: Also erzählt man sich bei euch auch keine Österreicher Witze?
Lehrer: Doch schon, aber mir fällt jetzt gerade keiner ein.
Letzte Aktualisierung: 27.02.2009
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