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Als ich auf die Welt kam, war es für meine Mutter eine ausgemachte Sache, dass ich katholisch werde und nicht evangelisch, wie mein Vater. Ich wuchs in der Pfarrei St. Augustinus auf, machte mir als Kind schon viele Gedanken und wurde fromm erzogen. In der Volksschule waren die Klassen nach Konfessionen getrennt, und ich besuchte die meiste Zeit die katholische Bekenntnisschule.
Damit wir kleine Diener Gottes wurden, erhielten wir in
der dritten Klasse das “Katholische Religionsbüchlein“, das von den bayerischen
Bischöfen bereits 1927 zum ersten Mal herausgegeben worden war und auch nach dem
Krieg in den fünfziger Jahren an Bayerns Schulen noch immer gute Dienste
leistete. Das Buch war unterteilt in Altes und Neues Testament. Anschauliche
Darstellungen von Gott und seinen frommen Geschöpfen erleichterten uns die
Vorstellungskraft und machten die Religion begreifbar und interessant. Zwischen
Religion und Glauben gab es bei uns Kindern keinen Widerspruch, und wir lernten
eifrig den Katechismus auswendig, um unseren Glauben dadurch zu stärken. Wir
erfuhren, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschuf, um am siebten Tag
auszuruhen, dass es gute und böse Engel gab und dass wir Gott nicht sehen
können, weil er keinen Leib hat und ein Geist ist. Trotzdem wurde Gott gleich
auf der ersten Seite des Büchleins als mächtige Gestalt über den Meeren und
Bergen schwebend mit langem, wallenden Bart dargestellt. Obwohl gelehrte und
weise Menschen sich ein Leben lang den Kopf darüber zerbrechen, wozu sie auf
Erden sind, hatte man für uns Kinder schnell eine Antwort gefunden: “Wir sind
dazu auf Erden, dass wir den Willen Gottes tun und dadurch in den Himmel
kommen.” So einfach und einleuchtend war das. Adam und Eva, die ersten Sünder,
waren schuld, dass auch wir mit der Erbsünde leben mussten, obwohl Gott
barmherzig ist und gerne jedem reumütigen Sünder verzeiht. Erschrocken
betrachtete ich das Bild von der Sündflut, in der nicht nur viele sündige
Menschen, sondern auch die armen unschuldigen Tiere, die von Noah nicht gerettet
werden konnten, zugrunde gingen. Unser Spruch zum Auswendiglernen hieß dazu
passend: “Gott ist gerecht: Er belohnt das Gute und bestraft das Böse.” Mit
Schaudern las ich die Geschichte von Abraham, in der er seinen Sohn aus Liebe zu
Gott als Schlachtopfer darbringen wollte. Joseph, der nach Ägypten verkauft
wurde, tat mir leid, aber ich war schon recht froh, dass ihn seine Brüder vorher
nicht getötet hatten. Die nächste Geschichte, wo es um einen Mord an
unschuldigen Kindern ging, war die des armen Moses, der als Säugling in einem
Binsenkörbchen ausgesetzt worden war, um dem Tod durch den bösen Pharao zu
entrinnen. Wir lernten die zehn Gebote auswendig, die Moses in Form zweier
Steintafeln auf dem Berge Sinai aus den Händen Gottes erhalten hatte und mussten
uns als neunjährige! Kinder bereits Gedanken über das sechste Gebot machen, in
dem wir aufgefordert wurden, wie vermutlich beim Doktorspiel, nicht Unkeuschheit
zu treiben oder wussten nicht viel anzufangen mit dem neunten Gebot, das uns ein
für allemal verbot, seines Nächsten Weib zu begehren. Wir freuten uns, dass der
kleine David mit einem Kieselstein den schlimmen Goliath genau auf die Stirn
tödlich traf, obwohl wir ein paar Seiten weiter vorne gelesen hatten, dass Töten
eine schwere Sünde ist. Aber wir merkten schon, dass das nicht für jeden galt.
Am meisten machte mir das vierte Gebot zu schaffen, weil ich meine Eltern
manchmal bis zur Weißglut geärgert hatte und jeder gute Vorsatz nichts nützte.
Neugierig war ich, warum die unschuldige Susanna angeklagt worden war und zu
welcher Sünde sie die Richter verführen wollten. Aber man drückte sich vor der
Antwort.
Fast jede Geschichte im Neuen Testament handelte von
einem Wunder, das Jesus vollbrachte, um auch uns zu überzeugen und zu gläubigen
Kindern zu machen. Gott hatte seinen Sohn auf diese Welt geschickt, damit er uns
ein Vorbild sei. Er wandelte auf dem Meere, vermehrte Brote, heilte Kranke und
erweckte Lazarus sogar vom Tode. Da das Leiden Christi und seine Kreuzigung
furchtbar grausam waren, verdrängte ich am besten Text und Bilder auf den Seiten
103 - 116 im Religionsbüchlein, bis ich mich an die Ereignisse langsam gewohnt
hatte. Ein Bild vom Paradies, in das die Kirche ihre Gläubigen hineinführt,
bildete den Abschluss dieses Religionsbüchleins, das mich leider nicht davor
bewahrte, im späteren Leben das auswendig Gelernte anzuzweifeln.
Hans Lehrer
Letzte Aktualisierung: 15.02.2009
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