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Mein erstes Buch war mein
Lesebuch. Ich erhielt es 1948, als ich in die Schule kam. Der erste Buchstabe, der darin vorkam, war das “O” und sah wie ein Spielreifen
aus, der mit einem Holzstäbchen angetrieben wird. Als ein Stück heraus brach, hielt der Bub plötzlich ein “C” in seinen Händen und war
darüber traurig. Mehrere Spazierstöcke, mit denen Kinder Kastanien vom Baum holten, ergaben zusammengefügt das “m”, und eine
aufgerichtete Schlange, die einem Frosch nachjagte, bildete den Buchstaben “S”. Schlange und Reifen ergaben zusammen das Wörtchen: “SO”!
Wie eine Turnstange, an der zwei Buben hingen, sah das “H” aus, mit dem auch mein Vorname begann. Die umgedrehten Spazierstöcke bildeten
ein “u” oder “t”, und schon konnte ich die ersten Wörter, die ich noch mit Hilfe meiner Mutter lernte, lesen: “Stock und Hut, Hans und
Susi, Mutter und Susi.” Ich war glücklich, plötzlich selbst lesen zu können, vor allem aber gefielen mir die Zeichnungen, mit denen der
Text auf jeder Seite illustriert war. Als es draußen dem Winter zuging, war auch unser Lesebuch darauf eingestimmt. Immer wieder
betrachtete ich das Bild mit dem Nikolaus, der eine Zipfelmütze auf hatte und trotzdem nicht Weihnachtsmann hieß. “Heiliger, heiliger
Nikolaus, bring den braven Kindern was! . . Lass die bösen laufen, sollen sich was kaufen!” Eine Schneelandschaft weckte auch in mir die
Sehnsucht nach viel Schnee, und kurz vor Weihnachten konnte ich schon meinen ersten Wunschzettel an das Christkind selbst schreiben.
Natürlich waren noch Fehler drin, aber beim Christkind gab es ja keine Noten und es hatte sicher großes Verständnis dafür.
Das Lesebuch entführte
mich in eine wunderbare Welt, die mit der rauen Wirklichkeit von damals wenig zu tun hatte. Es ließ mich die Armut, in der wir nach dem
Krieg lebten, für kurze Zeit vergessen und weckte in meinem Herzen Wünsche, die mir auch im Alter noch große Freude bereiten, wenn sie
in Erfüllung gehen. Damals war ich noch ein gläubiges Kind mit der festen Überzeugung, dass Frau Holle, die in unserem Buch so
freundlich abgebildet war, die Betten schüttelt, wenn es auf der Erde schneit. Der kranke Rudi, der in die hohen Schneehaufen gestiegen
war und gar jämmerlich in seinem Stübchen lag, tat mir leid, und die Eisblumen am Fenster im Lesebuch, die “sonst nirgends aufzutreiben”
waren, wuchsen auch bei uns daheim an den dünnen Scheiben. In meinem ersten Buch lernte ich das Gebet für die Eltern auswendig:
“Die Eltern mein empfehl ich dir,
behüte, lieber Gott sie mir!
Vergilt, o Herr, weil ich nicht kann,
das Gute, das sie mir getan!”
Ein Grund mehr, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, war die “Wandelnde Glocke”, die jedes Kind, das den
Gottesdienst versäumte, einfing und mit Gewalt zur Kirche brachte. Ich versuchte den fröhlichen Maskenzug im Lesebuch abzumalen und war
im Frühjahr, als auf Seite 96 die Schneeglöckchen behaupteten, die ersten im Garten zu sein, ein gewandter Leser geworden. Lustig waren
die Osterhasen anzuschauen, die in einer Erdhöhle Eier färbten, um sie den Kindern ins Nest zu legen, und ich hatte auch schon meine
eigene Erfahrung mit dem 1. April, “da schickt man den Narren wohin man nur will”, gemacht. Ich bedauerte den armen Maikäfer, der alle
seine Brüder verloren hatte und selbst bald nicht mehr leben würde. Mutter freute sich über das Gedicht zum Muttertag, und ich sehnte
die Sommerzeit herbei, die mir zum ersten Mal die großen Ferien bescherte. Leider fiel die Ferienfahrt, die auf einer der letzten Seiten
des Lesebuchs beschrieben war, mit dem Zug aus, weil wir einfach nicht das nötige Geld dazu hatten. Dafür durfte ich die Ferien auf dem
Bauernhof meines Onkels in Trudering verbringen, der mich, wie beim Buben im Lesebuch, mit Schwung auf das Pferd setzte, als die Ernte
eingebracht wurde.
“Da läuft eine Maus, das Buch ist nun aus.”
Hans Lehrer
Letzte Aktualisierung: 15.02.2009
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