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(Brief eines Schülers an seinen Lehrer)
München, den 26. Juni 2006
Fast auf den Tag genau, kamen wir vor 50 Jahren am 14. Juli 1956 aus der Schule. Dich hatten wir damals als Lehrer,
und ich glaube, es war Deine erste Anstellung in München, nach Deiner Übersiedlung aus Bad Reichenhall. Damals hast Du in der
Prinzregentenstraße gewohnt und bist mit Deinem Fahrrad jeden Tag und bei jedem Wetter zur Forellenschule nach Trudering geradelt, wo Du
uns in der 7. und 8. Klasse unterrichtet hast. Eigentlich hatten wir in der 7. Klasse den Lehrer Orelli bekommen. Aber dem gefiel es bei
uns nicht mehr, und er zog es vor, sich kurz vor Ostern endgültig in den Ruhestand zu verabschieden. Und dann kamst Du zu uns, lieber
Josef, ein leuchtender Stern am Horizont! Du warst damals noch jung und der Schwarm aller Lehrerinnen. Du hast uns in den eineinhalb
Jahren, in denen Du uns Unterricht gabst, eine Menge fürs spätere Leben beigebracht. Auf Deiner Geige lerntest Du uns so viele schöne
Lieder, wie z.B. “Freiheit die ich meine, die mein Herz erfüllt, komm mit deinem Scheine, süßes Engelsbild . . . ! “
Bei Dir haben wir auch den “Wilhelm Tell” von Schiller gelesen, und ich durfte die Rolle der Gertrud übernehmen, weil ich damals schon
ein guter “Schauspieler” war.
Du hast uns auch mit Deinen Zeichenkünsten beeindruckt, als Du eines Tages die Entwicklung der Straße auf die Tafel
gezeichnet hast. Wer wusste denn schon von uns Schülern damals, dass es das Wild war, das sich die ersten Wege über Ebenen und durch
Wälder bahnte und Wildwechsel hieß, dass die “Heilige Straße” Griechenlands zum Orakel von Delphi Fahrrinnen aufwies und später die
Salz- und Eisenstraßen zu wichtigen Verkehrswegen wurden?
Du hast uns bis zur Perfektion die Zierschrift beigebracht.
Durch Dich lernten wir die Erdteile erst genauer kennen. Ich habe noch heute meine Mappe von der 8. Klasse, wo Du Afrika, Asien und
Australien in der Erdkunde durchnahmst und uns die Gründung des deutschen Reiches im Fach Geschichte lehrtest. Durch Dich wurden wir
auch sexuell aufgeklärt. Dafür hattest Du einen ganzen Tag verwendet, um uns zu sagen, woher die Kinder kommen. Viele hatten es schon
gewusst. Ich habe es zumindest geahnt und erhielt durch Dich die letzte Gewissheit.
Auch im Sport hast Du Dich für uns eingesetzt, und ich war damals ein begeisterter und erfolgreicher Schnellläufer. Obwohl ich im
Rechnen auf einer Drei stand, hast Du mir nach längeren, etwas zähen Verhandlungen, im Februarzeugnis der 8. Klasse eine Zwei gegeben
und mir gute Umgangsformen bestätigt, damit ich leichter eine Lehrstelle bekomme. Das werde ich Dir nie vergessen, mein lieber Josef! Du
warst nicht nur unser Lehrer sondern auch ein liebenswerter Mensch, an den wir alle sehr gerne zurückdenken. Du wirst am 30. August 83
Jahre alt, und wir werden 64, bzw. sind es schon geworden. Ist ja klar! Wie schon gesagt, kamen wir vor 50 Jahren aus der Volksschule.
Ich durfte damals die Abschlussrede halten, worauf ich heute noch mächtig stolz bin, weil Du ausgerechnet mich dazu auserwählt hast und
nicht eines Deiner Herzipopperl, die Du leider auch hattest. Mein einziger Kummer war nur, dass ich zu diesem feierlichen Anlass keine
lange Hose hatte und Du niemanden in kurzen Hosen sehen wolltest. Also zog ich die Kombination meines Vaters an, deren Hose mir über den
Bauchnabel reichte. Trotzdem schaute ich ganz gut darin aus, und Du warst zufrieden mit mir. Nachdem wir das Lied: “Wir sind jung, die
Welt ist offen . . “ gesungen hatten, begann ich mit meiner Rede, die Du wahrscheinlich verfasst hattest und die ich noch immer
auswendig kann:
“Hochwürden Herr Stadtpfarrer, sehr geehrter Herr Rektor, werte Herren Lehrer, liebe Eltern, liebe Schulkameraden!
Als Klassensprecher der 8. Klasse möchte ich am heutigen Tage ein paar Worte an Sie richten. Der Tag ist gekommen, an dem wir der Schule
ledig werden, an dem wir hinausgehen in das Leben. Viele Buben und Mädel werden den Tag mit Freude erwartet haben, nun können wir
endlich der Schule den Rücken kehren, manche allerdings mit geheimer Furcht vor dem Zeugnis. Nun ist die Volksschulzeit zu Ende, aber
nach den Ferien geht es weiter in die Lehrzeit, in den Beruf. Und dort wollen die Meister und Lehrherren das Zeugnis sehen, das ihnen
berichtet, ob ihr neuer Lehrling in der Schule fleißig gewesen und etwas gelernt hat. Ist dies der Fall, dann kommt er weit und überall
wird man ihn gerne aufnehmen . . . “ Abschließend bedankte ich mich bei den Lehrern, die wir in den 8 Schuljahren hatten und möchte mich
auch noch einmal bei Dir, lieber Josef, nach 50 Jahren, zusammen mit allen Klassenkameraden, die noch leben, bedanken für alles, was Du
für uns getan und geleistet hast. Durch Dich habe ich erst die Kunst des Schreibens so richtig erlernt und die Liebe zur Deutschen
Sprache erhalten. Da ich ein vorlauter und geschwätziger Bub war, musste ich die meisten Lesestücke, die wir gerade im Lesebuch lasen,
als Strafaufgabe abschreiben. Dadurch bekam ich einen flüssigen Schreibstil, und Du siehst ja, wie mir diese Zeilen flott von der Feder
gehen, ohne in die Tinte eintauchen oder gar radieren zu müssen.
Lieber Josef! . . . Einige Jahrzehnte hatten wir uns aus den Augen verloren. Aber vor zehn Jahren sahen wir uns wieder bei der großen
Fronleichnamsprozession in München, wo ich als Trachtler mitging, und es war mir eine große Freude, Dich an der Feldherrnhalle stehen zu
sehen. Ich hatte Dich gleich wieder erkannt und den Lehrer Hans vergisst man auch nicht so schnell. Du hast mir damals das “Du”
angeboten. Klar, bist Du für mich noch immer unser Lehrer Auer, aber in erster Linie bist Du mein wertvoller Freund Josef geworden, dem
ich viel, ja ich möchte sagen, sehr viel zu verdanken habe.
Vor kurzem machten wir ein Klassentreffen und viele, die damals wie ich die Schule mit 14 Jahren verlassen hatten, folgten dieser
Einladung. Wir haben Dich dabei sehr vermisst! Deshalb möchten wir Dir in das Altenheim bei Wasserburg, in dem Du lebst, eine Grußkarte
schicken mit den Unterschriften all Deiner ehemaligen Schüler, die Dich ebenso wie ich in ihr Herz geschlossen haben.
Lieber Josef! Ich habe mir lange überlegt, was wir Dir wünschen sollen . . . Dieses Geschäft überlassen wir aber besser unserem
Herrgott, der schon alles richten wird, wie es halt sein muss. Mein Wunsch aber ist es, dass wir uns wieder einmal begegnen, und ich
Deine Hand halten darf, die Dir nie ausgerutscht ist, als du Lehrer warst. Bei Dir gab es keine Schläge, nur Strafaufgaben, die ich auch
bestimmt verdient hatte. Etwas heftig wurde es nur, als ich die Geschichte vom “Pestalozzi, Vater der Bettelkinder”, die im Lesebuch
gleich ein paar Seiten umfasste, mindestens dreimal hintereinander abschreiben musste. Heute bin ich froh, dass ich bei Dir so viel vom
Lesebuch abschrieb; schließlich war das der Grundstein meiner Gescheitheit.
Herzliche Grüße und Gottes Segen
von Deinem ehemaligen Schüler
Hans Lehrer
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Letzte Aktualisierung: 15.02.2009
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