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Unsere
Pfarrkirche ist dem hl. Sankt Augustinus geweiht. Ihm, dem großen Kirchenvater
und uns, den kleinen Leuten machte es nichts aus, dass vor mehr als siebzig
Jahren das Geld nur zum Bau einer “Notkirche” gereicht hatte, die aber in ihrem
Erscheinungsbild ganz gut zu den kleinen spitzgiebeligen Siedlungshäusln passte,
für deren Errichtung sich die Leute jede Mark vom Mund absparten, um aus der
Stadt herauszukommen und in einer grünen Umgebung in den eigenen vier Wänden zu
wohnen. Bis auf eine gemauerte Giebelwand, an der sich der Altar befand, war die
Kirche ganz aus Holz zusammen gezimmert worden. Über dem Altar aber befand sich
eine Freskomalerei, auf der man den Heiligen am Ufer eines Gewässers erblicken
konnte, zusammen mit einem kleinen Kind, das zu seinen Füßen saß und in den
Händen eine Schöpfkelle hielt. Nach dem göttlichen Geheimnis der heiligsten
Dreifaltigkeit befragt, soll Augustinus, Bischof von Hippo einst geantwortet
haben, dass es leichter sei, sogar für ein Kind, mit einem Schöpflöffel ein Meer
auszuschöpfen, als auf die Frage nach dem Wesen der heiligsten Dreifaltigkeit
eine erschöpfende Antwort zu geben.
Nach dem Krieg wurde die Kirche für die vielen Zuzügler, die am Sonntag zur heiligen Messe strömten, schon bald zu klein. In den Seitengängen und im hinteren Teil der Kirche, standen die Leute dicht gedrängt, wie in einer überfüllten Straßenbahn. Besonders schlimm war es am Sonntag um halb elf Uhr bei der Kindermesse. Dem Herrn Pfarrer blieb nichts anderes übrig, als die Abspeisung ausfallen zu lassen, das Kommuniongitter zu öffnen, um für die vielen Kinder gleich vor und neben dem Altar zusätzlichen Raum zu schaffen, eine Geste übrigens, mit der Jesus Christus durchaus einverstanden gewesen wäre, wo er doch selbst einst gesagt hatte: “Lasset die Kinder zu mir kommen!” Die Kirche hatte über dem hinteren Eingang auch einen Chor, auf dem ein Harmonium stand. Es war für mich eine besondere Ehre, bereits mit zehn Jahren von dort oben aus bei den Betsingmessen regelmäßig den Vorbeter machen zu dürfen und in der Frühmesse sogar die Lieder aus dem Gebetbuch anzustimmen, wenn Lehrer Weinzierl, der Chorregent keine Zeit hatte. Im Winter war es in der Kirche eiskalt, und es konnte schon passieren, dass der Weihwasserkessel einfror. Worin aber lag das Geheimnis, dass damals die Kirchen so voll waren? Der heilige Augustinus würde lächelnd auf das Kind mit der Schöpfkelle deuten, um damit auszudrücken, wie schwierig es ist, auch hier die richtige Antwort zu finden. Ich aber glaube, dass uns die Armut, in der wir uns mit Jesus Christus solidarisch fühlen konnten, in die Kirche trieb. Leid und Not ließen die Menschen näher zusammenrücken; denn im Krieg hatten sie zu beten gelernt und wussten auch eher was Dankbarkeit ist.
Die Holzkirche wurde in den fünfziger Jahren abgerissen
und an ihrer Stelle ein imposanter Steinbau errichtet, viel größer und schöner .
. . . . schöner? Doch was nützen Größe und Schönheit, wenn die Kirchenbesucher
ausbleiben und die Priester immer weniger werden, wenn die sieben Glocken nur
noch selten ihr gemeinsames Lied zum Lobe unseres Herrn anstimmen dürfen? Wurden
früher bei uns an einem Sonntag fünf heilige Messen gelesen, so sind es jetzt
nur noch höchstens zwei. Ebenso ist es mit den Maiandachten, den Rosenkränzen,
den Kreuzwegandachten, den Litaneien. Heute will die Kirche modern und
aufgeschlossen, ja sogar "menschlich" wirken. Gelingt es ihr damit wirklich,
Menschen unserer Zeit vermehrt in die Gotteshäuser zu locken oder müssen erst
Wunder geschehen, wie sie Jesus seinerzeit wirkte?
Mit einer gewissen Wehmut denke ich oft an unsere stets überfüllte Holzkirche
zurück, in der wir alle voller Innbrunst sangen:
“Ein Haus voll Glorie schauet
weit über alle Land,
aus ewgem Stein erbauet
von Gottes Meisterhand.
Gott, wir loben dich!
Gott, wir preisen dich!
O lass im Hause dein
Uns all geborgen sein!”
Hans Lehrer
Letzte Aktualisierung: 15.02.2009
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