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In der zweiten Klasse bekamen wir ein blutjunges,
bildsauberes Fräulein, das die Kenntnisse von sechzig Kindern vor allem im
Lesen, Schreiben und Rechnen vertiefen sollte. Sie hieß Amalie Schmöller und
hätte leicht unsere größere Schwester sein können.
Trotz
der schlechten Zeit, kurz nach der Währungsreform, war sie fesch angezogen und
kam mit einem nigelnagelneuen Fahrrad, Marke “Bauer”, in die Schule. Leider
besaß sie auch ihre Mucken, wie das bei Lehrern allgemein üblich ist. Tatzen
teilte sie keine aus. Während die braven Kinder jedoch auf unterschiedlichste
Art und Weise von ihr belohnt und bevorzugt wurden, gingen die “unruhigen
Knaben” meist leer aus, was diese mehr wurmte, als irgend eine andere
Bestrafung. Zu meinem Bedauern gehörte ich fast immer zu den letzteren, auch
wenn ich das Fräulein ganz gut leiden konnte und daheim von der “Mali” sogar
schwärmte. Meine Bemühungen, sich bei ihr einzuschmeicheln, scheiterten meistens
an meinem Betragen, an dem sie oft etwas auszusetzen hatte. Das hielt mich aber
nicht davon ab, sie eines Tages sogar daheim in der Waldtruderinger Str. 49 zu
besuchen, wo ich mich mit ihren Eltern und Geschwistern gleich auf Anhieb gut
verstand. Da sie mit dieser Einladung eigentlich nur den braven Kindern eine
besondere Freude machen wollte, war sie nicht gerade begeistert., mich am
Gartentürl stehen zu sehen, das sie nur widerwillig öffnete.
Als sie mit der Klasse am Ende des Schuljahres einen Ausflug mit Walter Mühlhausers Omnibus an den Ammersee machte und mich nicht mitfahren ließ, war ich endgültig enttäuscht von ihr. Sogar heute noch, nach mehr als fünfzig Jahren, werde ich das Gefühl nicht ganz los, nie richtig am Ammersee gewesen zu sein. So weinte ich dem Fräulein, das wir in der nächsten Klasse nicht mehr hatten, keine Träne nach. Umso erstaunter war ich, als sie mir im neuen Schuljahr, wo sie doch gar nicht mehr meine Lehrerin war, auf dem Pausenhof plötzlich ihre ganze Aufmerksamkeit, ja sogar ihr Wohlwollen schenkte und sich freute, wenn sie mich sah. Sogar ins Marionettentheater, das sie mit ihrer neuen Klasse besuchte, nahm sie mich mit. Als sie mich aber so ganz nebenbei nach dem Wohlbefinden meines älteren Bruders fragte und dem “Jackerl” durch mich viele Grüße ausrichten ließ, wurde ich hellhörig und merkte bald, woher der Wind wehte. Auf meinen Bruder hatte sie es also abgesehen, die Mali, oder gar er auf sie . . . ? , dachte ich etwas eifersüchtig.
Ihr Schwager bin ich nicht geworden, und ich hörte in den darauffolgenden Jahren nicht mehr viel von ihr, bis ich Jahrzehnte später ihren Namen zufällig unter den Todesanzeigen las: “Vogel Amalie, geborene Schmöller, Lehrerin i.R. 68 Jahre.”
Hans Lehrer
Letzte Aktualisierung: 15.02.2009
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