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Mitten
unterm 2. Weltkrieg, am 13. Juni 1942, bin ich in der Kaulbachstraße auf die
Welt gekommen. Dass wir im Krieg waren, konnte ich damals noch nicht wissen,
seine Auswirkungen jedoch bekam auch ich am eigenen Leib schon zu spüren. Vor
allem, wenn ich bei Luftangriffen jedes Mal aus dem Schlaf gerissen wurde und
oft stundenlang im Luftschutzkeller eine Ruhe geben sollte. Bruchteile der
Erinnerung aus meiner frühen Kindheit haben sich in mir fest eingeprägt. Da
ertönte immer häufiger die Stimme des Kuckucks aus dem Radio, ein geheimes
Zeichen dafür, dass ein Angriff durch feindliche Flieger bevorstand und es für
die Menschen Zeit wurde, den Luftschutzkeller aufzusuchen. Im letzten Kriegsjahr
wusste ich schon, was diese Vorwarnung bedeutete und wenn es im Radio hieß:
"Kampfverband, Anflug auf Kärnten Steiermark", konnte ich diese Wort bereits
nachplappern, mit der Bemerkung: "ziagts mi o!"
Als der Krieg endlich vorbei war, kam die "schlechte Zeit", wo es schier gar
nichts mehr gab. Obwohl auch bei uns das Christkindl vorbeiflog, fiel die
Bescherung an Weihnachten äußerst dürftig aus. So war halt der glitzernde
Christbaum für mich das schönste Geschenk, und ich spielte mit den
Krippenfiguren, indem ich sie immer wieder anders hinstellte. Doch ein
einmaliger Duft von Tannengrün, Kerzenwachs, Früchten, Bratäpfeln, Herdfeuer,
Punsch und Plätzchen erfüllte unsere bescheidene Stube damals.
Mit der Kleidung wurde nicht viel Aufwand getrieben. Die
Sachen, die ich zum Anziehen bekam, waren alle nicht mehr neu. Gegen ein Dutzend
Eier konnte meine Mutter für mich eine kurze Lederhose eintauschen, die ich
Sommer wie Winter anhatte. In der kalten Jahreszeit trug ich dazu lange
Strümpfe, den ganzen Sommer über aber lief ich meistens barfuß herum. Beim
sonntäglichen Kirchgang, achtete meine Mutter darauf, dass ich einigermaßen
sauber daher kam. Das "schöne Gewand" musste ich hernach gleich wieder
ausziehen. Mit Wollresten strickte sie mir einen Pullover, der nie ganz fertig
wurde und deshalb ärmellos blieb. Im Gegensatz zu anderen Leuten, die ausgebombt
wurden und neben ihrem Leben nur das retten konnten, was sie am Leib trugen,
ging es uns nicht einmal so schlecht. Meine Eltern bauten Gemüse an, ernteten
das eigene Obst und hielten neben ein paar Hühnern auch zwei Geißen, die Liesl
und die Gretl, die uns mit Milch versorgten. Schmalz, Mehl und einige andere
Lebensmittel, die schwer aufzutreiben waren, versuchte mein Vater durch
"Hamstern" bei den Bauern zu bekommen. Meistens nahm er mich dabei mit, um mit
dem kleinen Buben mehr Mitleid zu erwecken. Später konnten wir sogar ein amtlich
nicht registriertes Schwein heimlich füttern und anschließend "schwarz"
schlachten. Ab und zu brachte der Bruder von den amerikanischen Soldaten ein
Päckchen Kaugummi, ja einmal sogar eine Büchse Bohnenkaffee mit nach Hause, die
er im Barackenlager fürs Holz- und Kohlenschleppen dort geschenkt bekommen
hatte. Mit dem selbstangebauten Tabak hätte sich mein Vater auf die Dauer sicher
seine Gesundheit kaputtgemacht. In Mutters Rezeptbuch stand, wie man in
Kriegszeiten Seife macht. Geheizt wurde nur in der Küche. War es im Winter
eiskalt, wärmte ein in Zeitungspapier eingewickelter, heißer Ziegelstein das
Bett vor. Brennmaterial war sehr knapp. Ganz Trudering war eines Tages zum
Bahndamm unterwegs, als sie von einem Waggon heimlich Kohlen entwendeten und in
Kübeln heimtrugen. Sogar die Pfarrerköchin genierte sich nicht und unser
Hochwürden hatte angesichts der schlechten Zeiten bei der nächsten Beichte
ebenfalls Verständnis dafür. Not kennt halt kein Gebot.
Jeden Samstagabend badete unsere Familie. Dazu wurde in der Küche die Zinkwanne
aufgestellt. Zu fünft kamen wir dabei mit einem Badewasser aus. Als letzter
wurde ich, der Kleinste, in die schon etwas kalt gewordene trübe Seifenlauge
hineingesteckt und abgeschrubbt. Bis auf mich badeten alle hinter einem
Leintuch, das quer durch die Küche gespannt wurde. So konnte keiner vom anderen
etwas abschauen.
Ich erinnere mich noch genau, wie ich die erste Schokolade in meinem Leben aß, das erste Eis schlecken durfte, mir die ersten Datteln schmecken ließ und den ersten Kaffe mit Sahne trank. Meine Mutter war eine praktische Frau. Als ich im Kindergarten anläßlich des Geburtstages unseres Herrn Stadtpfarrers bei einem Theaterspiel in "Hänsl und Gretl" den Hansl spielen durfte, ließ sie mir aus Sparsamkeitsgründen keine Schuhe anziehen mit der Ausrede, dass der Hansl im Märchen auch ein armes Kind gewesen sei und barfuß gelaufen ist. Meiner Gretl blieb damals nichts anderes übrig, als ebenfalls ihre Schuhe auszuziehen. So standen wir beide barfuß auf der Bühne, und Mutter hatte ihren Willen durchgesetzt.
Natürlich war ich auch ein richtiger Lausbub. Mit vier
Jahren sollte ich in den Kindergarten gehen, hielt es jedoch anfangs nicht lange
aus und lief jedes Mal weg. Zur Strafe wurde ich daheim in den Hühnerstall
eingesperrt, wo ich nicht lange blieb; denn mit meinen Schuhen schlug ich die
Scheibe des Stallfensters ein, kroch heraus und "flüchtete". Etwa fünf Jahre
mochte ich alt gewesen sein, als mich Tante Betti auf die Auer Dult mitnahm. Wir
fuhren mit der Straßenbahn der Linie 5 und mein Vater, der beim Wagnerbräu in
der Lilienstraße arbeitete, gab uns eine Flasche vom guten Bier zum
Brotzeitmachen mit, da das Dünnbier nichts taugte. Verzogen wie ich war, bestand
ich schon während der Straßenbahnfahrt darauf, vor all den staunend
dreinblickenden Leuten, die Flasche Bier anzutrinken, und setzte zum Entsetzen
der Tante meinen Kopf auch durch. Im Jahr der Währungsreform kam ich in die
Schule. Schultüten mit Süßigkeiten kannten wir zu dieser Zeit noch nicht.
Wichtig war nur ein Haferl, wo wir die kostenlose Schulspeisung hineintun
konnten. Gerne aß ich dabei Nudeln mit Tomatensauce. Den Kakao, aus dem man das
Wasser direkt herausschmecken konnte, schütteten wir trotz Not und Armut
meistens weg. Natürlich bekam ich auch ab und zu Schläge, weniger von den Eltern
als vielmehr von den größeren Geschwistern; als Fünfjähriger einmal sogar vom
Pfarrer während der hl. Messe, der sich am Altar umdrehte und mir eine gehörige
Tracht Prügel verpasste. Davor verschont blieb ich auch in der Schule nicht,
wenn es jedes Mal sechs Tatzen gab, drei auf die linke und drei auf die rechte
Hand und das bereits ab der 1. Klasse.
Mehr als fünfzig Jahre sind seitdem vergangen, und ich stelle immer wieder fest,
dass die schönsten Erinnerungen im Leben halt doch aus der unbeschwerten
Kinderzeit stammen, trotz Armut und Entbehrungen.
Hans Lehrer
Letzte Aktualisierung: 15.02.2009
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