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| Onkel Ludwig - Pfingsten 1958 59 Jahre alt - im Mühlecker Moor |
Später kehrte er auf das elterliche Anwesen zurück, um
bei seinem Bruder als Knecht einzustehen. Zum Heiraten kam er nie; denn der
Onkel hatte einen argen Fehler, er war ziemlich geizig und teilte nicht gerne.
Es war aussichtslos, als kleiner Bub von ihm ein Fünferl oder gar ein Zehnerl zu
bekommen. Oder war ihm das Geld zu schade dafür, weil er glaubte, dass ich es
sofort verhauen würde? Mindestens einmal im Jahr aber packte ihn das Heimweh
nach seinem geliebten Benediktbeuern. Und da er mit der Eisenbahn nicht allein
fahren wollte, wurde er ausnahmsweise großzügig und nahm mich öfters dorthin
mit. Als ich zehn Jahre alt wurde und keine Fahrpreisermäßigung mehr bekam,
sollte ich beim Billettkauf, falls man mich fragen würde, ruhig sagen, dass ich
erst neun sei, um Geld zu sparen. Ja, schlau war mein Onkel schon, obwohl er
mich damit zum Schwindeln angestiftet hatte. In der schlechten Zeit bekam ich
von daheim einen Guglhupf für die Fahrt eingepackt, den ich aber nicht im Zug
vor all den Leuten essen durfte. Mein Onkel wollte es nicht raushängen lassen,
dass es den Bauern gar nicht so schlecht ging. Meistens verließen wir den Zug
schon eine Station vor Benediktbeuern, kehrten im Wirtshaus ein, wo sich mein
Onkel eine Halbe genehmigte und wanderten dann über das Moor, wobei er mir die
Plätze zeigte, an denen er früher gearbeitet hatte. Mir war dabei immer etwas
unheimlich zumute; denn ich hatte Angst, plötzlich im weichen Boden zu
versinken. Noch schlimmer war meine Furcht vor den Kreuzottern. Meine Mutter
hatte mir nämlich weisgemacht, im Moor wimmle es nur so von diesen Schlangen,
die sich eingeringelt von der Sonne bescheinen lassen, weil sie die Wärme
lieben. Gott sei Dank habe ich nie eine zu Gesicht bekommen. Am Nachmittag
besuchte der Onkel die Kellners, seine früheren Hausleute, wo ich von der
steinalten Frau Kellner, die bereits über 90 Jahre zählte, ob ihres hexenhaften
Aussehens, tief beeindruckt war. Mein Onkel ist schon lange tot. Doch heute bin
ich es, der Zeitlang nach Benediktbeuern hat. Wie zu Onkels Zeiten gehe ich die
gleichen Wanderwege. Am Nachmittag besuche ich allerdings die Kellners nicht in
der Bahnhofstraße, sondern auf dem Klosterfriedhof, wo ich ihr Grab gefunden
habe und dort einen Augenblick verweile. Ganz zum Schluss gehe ich zum alten
Bahnhofsgebäude, das noch genauso dasteht wie früher, denke an die
Zahnschmerzen, die mich als Bub dort einmal geplagt hatten, blicke die Gleise
entlang, als ob jeden Augenblick unser Zug mit seiner schnaufenden Dampflok
einfahren müsste.
Das war einmal - ich steige in das Auto ein und fahre mit meinen Erinnerungen
heimwärts.
Hans Lehrer
Letzte Aktualisierung: 15.02.2009
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