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Mit fünf Jahren konnte ich bis auf das "S" bereits meinen Vornamen schreiben und kritzelte ihn zum Entsetzen meiner Eltern mit einem Bleistift an alle Wände im Haus. Als ich in die Schule kam, nützten mir meine "frühreifen" Schreibkünste nicht viel; denn hier legte man noch größten Wert vor allem auf eine saubere Schrift, die auch benotet wurde. Jede Schulbank hatte auf ihrer Schreibplatte einen kleinen Schiebedeckel, unter dem sich ein Tintenglas befand, in das man mit dem Federhalter eintauchte und mit einer feinen spitzen Feder, ohne zu patzen, in die Hefte schrieb.
In einem dieser Schulhefte wurde die Schönschrift geübt. Gleich auf der ersten Seite ließ uns der Lehrer den Satz schreiben:

Am Anfang einer jeden Zeile schrieb er einen Buchstaben
oder ein Wort vor, und wir bemühten uns, bis zum Ende der Zeile genauso schön
weiterzuschreiben. Die Schrift durfte nicht kerzengerade aber auch nicht zu
schief sein. Die sich leicht nach rechts neigenden Buchstaben sollten auf keinen
Fall in die andere Richtung schauen.
Linkshänder, soweit sie es überhaupt gab,
taten sich besonders schwer, diese Regeln zu beachten. In den unteren Klassen
waren in die Hefte Hilfslinien eingezogen, um die verschiedenen Längen der
Buchstaben genau einzuhalten. Während vor dem Krieg noch die eckige deutsche
oder gotische Schrift verwendet wurde und beim Schreiben des Buchstaben "i" der
Satz: "Auf, ab, auf - und ein Tüpferl drauf", allen geläufig war, besteht die
lateinische Schrift aus vielen, aneinander gereihten Rundungen. Trotz der großen
Mühe, die ich mir gab, erreichte ich in der Schrift nur eine befriedigende Note,
bis ich in der 7. Klasse die glorreiche Idee hatte, unserem damaligen Lehrer,
Herrn Orelli, nach Berg-am-Laim in die Silberkopfstraße, wo er wohnte, eine
Neujahrskarte zu schicken. Seine Anschrift fand ich auf der Post im Adressbuch
heraus. Mit Lineal und Bleistift hatte ich hauchdünne Linien vorgezeichnet, die
ich anschließend wieder fein säuberlich ausradierte, ohne die Buchstaben zu
verwischen und wünschte ihm in meiner besten Sonntagsschrift alles erdenklich
Gute zum Jahreswechsel 1954/1955. War es tatsächlich die Schrift, an der er
plötzlich Gefallen fand, oder waren es einfach nur die Glückwünsche an einen
einsamen Menschen, über die er sich freute und dieses kleine Wunder bewirkten,
dass ich im Februar-Zeugnis in der Schrift zum ersten Mal eine Zwei erhielt.
Hans Lehrer
Letzte Aktualisierung: 15.02.2009
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